„Der wilde wilde Westen, fängt gleich hinter Hamburg an“, sang die Band Truck Stop 1980, und ein ähnliches Erlebnis muss Autor Vivès wohl in Brüssel gehabt haben...
…denn in dieser Story wird geballert, gepöbelt und gebrandschatzt wie in den übelsten Spaghetti-Western.
Der Original-Titel der Episode „Midi entre quatre planches“ ist ein vielschichtiges Wortspiel und unübersetzbar. „Midi“ ist zuerstmal der Mittag, steht wegen der hohen Mittagssonne aber auch generell für „Süden“ und so heißt auch der Südbahnhof „Bruxelles- Midi“, an dem Quentin und Sophie hoffnungsvoll ankommen. „Zwischen vier Brettern“ bezeichnet gleichnishaft einen Sarg, aber „planches“ sind auch gezeichnete Comicseiten. So heißt es einerseits „Im Sarg nach Süden / am Südbahnhof“, andererseits „Mittag zwischen vier Comicseiten“, wobei „Mittag” auch noch an High Noon erinnert.
Die grelle Abenteuer-Serie des Pariser Star-Autors schraubt den Wahnsinn in immer höhere Höhen. In Wahrheit liegt Europas Hauptstadt nämlich auf einem anderen Planeten. In einem anderen Universum. In diesem Brüssel dringt die Sonne kaum durch den dichten Schleier aus Betonstaub wegen der zahllosen Baustellen mit Ewigkeitsstatus, der Nahverkehr ist quasi erloschen, die Eingeborenen sind noch unfreundlicher als in Berlin. Der Ort funktioniert ausschließlich mit Bargeld, das prachtvolle Nostalgie-Hotel erweist sich als Saloon und insgesamt herrscht Anarchie.
„Wir sind das Bahnhofsviertel Europas“, erklärt der rabiate Besitzer eines Comicladens. Sein Geschäft jedoch ist eine Alibaba-Schatzhöhle, Räuber inbegriffen. Sophie, die einen Vortrag über Surrealisten halten soll, bekommt mitgeteilt: „Genau, von denen laufen hier immer noch welche rum.“
Schließlich gibt es nur einen Zug pro Tag heraus aus dieser Hölle, aber dafür muss man erstmal unversehrt hinkommen, zum „Midi“...
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